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Der Faktor Zeit

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2016

Der ökonomische Nutzen von Point-of-Care-Geräten kann hoch sein – wenn ihr Einsatz in optimierte Versorgungs- und Organisationsprozesse eingebettet ist

In der Notaufnahme, im OP oder auf der Intensivstation steht hinter dem Einsatz von POC-Geräten oftmals der Wunsch, den gesamten Behandlungsprozess vor allem in kritischen Situationen zu beschleunigen. Im Einsatz ist die POC-Diagnostik aber auch auf der Normalstation, in Spezialambulanzen und den Funktionsbereichen. Hier können so außerhalb der regulären Laborzeiten oder ohne ein „On-Site-Labor“ wichtige Blutwerte oder andere Parameter bestimmt werden.

POC-Geräte entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn ihr Einsatz in optimierte Versorgungs- und Organisationsprozesse eingebettet ist. Sie stehen am Ende einer Prozessreorganisation und sind nicht dessen Anfang. Da der Einsatz von POC-Geräten zumeist mehrere Bereiche berührt (u. a. Einsatzabteilung, Labor, Einkauf, IT), müssen die unterschiedlichen Abteilungen in die Prozessgestaltung und POC-Integration eingebunden werden. Es muss klar geregelt sein, wer für die POC-Kosten aufkommt und wie mit etwaigen Einsparungen umgegangen wird. Es empfiehlt sich die enge Einbindung der kaufmännischen Leitung, die den Überblick über das Krankenhaus-Gesamtbudget hat.

Ökonomisch erfolgreicher Einsatz von POCT

Im Folgenden werden anhand von Beispielen der ökonomische Nutzen von POC-Geräten und deren Einsatz im Krankenhaus dargestellt. Dazu werden zwei ökonomische Studien herangezogen: die gesundheitsökonomische Bewertung des Einsatzes von POC-Geräten in der Notaufnahme mit genauer Prozesskostenanalyse im Vergleich zu einer definierten Standarddiagnostik.

Beispiel A
Einführung eines Influenza-Schnelltests für Patienten mit Grippe-Symptomen

Die retrospektive Analyse betrachtete die Auswirkungen der Integration eines Influenza-Schnelltests in die Abläufe einer Notaufnahme (etwa 56.000 Notfallpatienten im Jahr). Die Einbindung des Schnelltests erfolgte nach Anpassung der bestehenden Prozesse für Patienten mit Influenza-Verdacht in der Notaufnahme. Der Schnelltest wurde eine Woche lange genutzt, die POC-Testergebnisse wurden im Labor kontrolliert und beide Prozesswege und Ergebnisse verglichen. Über Hochrechnungen der Prozesszeiten und -kosten sowie der ökonomischen Effekte in vier verschiedenen Fallszenarien konnten Aussagen zu Prozessdauer, Gesamtkosten sowie zu Raumkapazitäten getroffen werden. Die Prozesse unterscheiden sich deutlich in Umfang und Länge der Zeitspannen, was sich in einer erheblich reduzierten Isolationszeit widerspiegelt. Auch die Kosten zeigen einen deutlichen Unterschied: Der Prozess mit dem Schnelltest war im Durchschnitt um 41,52 Euro günstiger als mit der Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Mit dem Wegfall von Prozessschritten und dem reduzierten Arbeitsaufwand konnten die auf den Influenza-Test bezogenen Gesamtkosten je Patient von rund 94 Euro auf etwa 52 Euro reduziert werden. Die Gesamteffekte belaufen sich hochgerechnet auf folgende Ergebnisse: Die gesparten Prozesskosten innerhalb einer Grippesaison summieren sich auf 31.891 Euro – der ökonomische Effekt der Isolation falsch positiv getesteter Patienten aufgrund des Schnelltests bereits abgezogen. Innerhalb einer Grippesaison lassen sich 1.440 Stunden an stationärer Raumkapazität sparen. Sieht man das als zusätzlich zur Verfügung stehende Kapazität an, so könnten acht weitere Patienten mit einem zusätzlichen Erlös in Höhe von 26.263 Euro behandelt werden. Eine Kostenübersicht beider Prozesse zeigt die Grafik auf der linken Seite.

Beispiel B
Einführung eines Multi-Marker-Panels für Patienten mit Luftnot oder Brustschmerz

Eine weitere Analyse nimmt sich der Frage an, ob der Einsatz von Multi-Marker-Panels (Troponin, CK-MB, Myoglobin, D-Dimere, BNP) in Notaufnahmen ökonomisch sinnvoll ist: In drei ausgewählten Notaufnahmen in Deutschland wurde nach Prozessadaptionen in die Behandlung erwachsener Patienten mit Luftnot oder Brustschmerz ein POC-Gerät mit den genannten Parametern integriert. Im Rahmen der Analyse wurden zwei wichtige Prozesszeiten erfasst: die durchschnittliche Zeit bis zum Ergebnis und bis zur ärztlichen Entscheidungsfindung. Beide konnten im Rahmen der Analyse mit der POC-Lösung gesenkt werden: im Fall der durchschnittlichen Zeit bis zum Erhalt des Ergebnisses um mehr als 50 Prozent. Bis zur Entscheidung konnte eine Reduktion um etwa 30 Prozent erreicht werden. Für die Gesamtaufenthaltsdauer in der Notaufnahme bedeutet dies eine Einsparung von 45 Minuten pro Patient.

In der dazugehörigen Prozesskostenanalyse zeigte sich, dass der Einsatz von POC-Geräten die Prozesskosten um 2,50 Euro verteuerte. Obwohl das Multi-Marker-Panel deutlich teurer als die Laborparameter war, stiegen die Prozesskosten kaum spürbar an. Dies liegt vor allem daran, dass ohne die POC-Lösung zusätzlich bildgebende Diagnostik nachgefordert wurde, die im POC-Szenario durch die raschen Ergebnisse nicht in Auftrag gegeben werden mussten. Hinzu kommen die oben aufgeführten beschleunigten Prozesszeiten. Die ökonomischen mischen Ergebnisse dieser Analyse: Durch schnellere Entscheidungen über POC-Diagnostik wurden 3.000 Raumstunden in der Notaufnahme eingespart (45 Minuten bei 4.000 Patienten im Jahr). Der dadurch erreichbare zusätzliche Gesamterlös je Jahr beläuft sich auf 501.000 Euro, was sich aus der Multiplikation
der zusätzlich zu behandelnden Patienten in der geschaffenen Raumkapazität (300 zusätzliche Patienten) mit dem zusätzlichen Durchschnittserlös je Notfallpatient (1.670 Euro) ergibt. Dies setzt voraus, dass 300 zusätzliche Patienten neu in das Krankenhaus gehen würden, gäbe es kürzere Wartezeiten und hätte sich das Klinikum als aufnahmebereit gemeldet. Zu berücksichtigen sind die mit der POC-Einführung anfallenden zusätzlichen Kosten von 10.000 Euro pro Jahr (2,50 Euro an zusätzlichen Kosten für POC multipliziert mit den 4.000 wegen Luftnot oder Brustschmerz infrage kommenden Patienten pro Jahr).

Fazit
Der Einsatz von POC-Diagnostik im Krankenhaus hat Vor- und Nachteile. Patienten, Mitarbeiter und Prozesse können von dem gezielten und korrekten Einsatz profitieren. Gerade die Prozesszeiten können deutlich reduziert und Mitarbeiter entlastet werden. Gesteigerte Patientenzufriedenheit und -sicherheit sind mögliche und erstrebenswerte Effekte. Aus der rein ökonomischen Perspektive ist der Einsatz von POC interessant. Neben der frei werdenden Kapazität dank Prozessbeschleunigung oder reduzierter Isolationszeit können sogar die direkten Kosten sinken. Frei werdende Kapazitäten können entweder eingespart – was bei den hohen Fixkosten von Personal und Räumen nicht schnell umsetzbar ist – oder für zusätzliche Patienten verwendet werden. Dies setzt voraus, dass sich das Krankenhaus im Wettbewerb befindet und neue Patienten über bessere Leistungen gewonnen werden können. Grundsätzlich gilt es zu beachten, dass der richtige Einsatz von entscheidender Bedeutung ist. Nur wenn die POC-Lösungen in optimierte Prozesse eingebettet sind, die vor- und nachgelagerten Schnittstellen integriert sind und die POC-Ergebnisse tatsächlich Entscheidungen auslösen, können die ökonomischen Potenziale gehoben werden. Werden diese Punkte beachtet, ist Point-of-Care-Diagnostik medizinisch und ökonomisch ein Gewinn.

Katja Kikull
bcmed GmbH
Gesundheitsökonomin Katja Kikull ist
bei bcmed, einer internationalen
Unternehmensberatung im Gesundheitswesen,
als Projektleiterin tätig

Dr. Matthias Brachmann
bcmed GmbH
Dr. Matthias Brachmanns Unternehmen bcmed
berät europäische Krankenhäuser und
Medizinproduktehersteller. Der Fokus liegt
auf Prozessoptimierung und -reorganisation

Text: Dr. Matthias Brachmann und Katja Kikull

Fotoquelle: Achim Multhaupt, Sysmex

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