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Vom Wert der Daten

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2019

Medizininformatiker und Medical Data Scientists sind gefragt wie noch nie. Für die verstärkte Ausbildung dieser Spezialisten engagiert sich in Deutschland die Medizininformatik-Initiative

Prof. Dr. Thomas Ganslandt unterrichtet als Professor für Medizinische Informatik an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Die Chancen der Digitalisierung in der Medizin bestmöglich zu nutzen – das ist die Aufgabe der Medizininformatik- Initiative, die durch das Bundesforschungsministerium mit rund 160 Millionen Euro gefördert wird und für die sich 33 Universitätsklinikstandorte zu vier Konsortien zusammengeschlossen haben. Als aktives Mitglied des MIRACUM-Konsortiums arbeitet der Medizininformatiker Prof. Dr. Thomas Ganslandt daran, Konzepte für eine innovative Datennutzung zu entwickeln und die Digitalisierung in der Medizin voranzutreiben. „Bereits während meines Medizinstudiums hatte ich das Gefühl, dass ich mit der Medizininformatik einen breiteren Einfluss auf die Medizin nehmen kann, als wenn ich einzelne Patienten behandle.“ Heute, 21 Jahre später, zeigt sich, wie recht er mit dieser Einschätzung hatte. Die Medizininformatik-Initiative setzt sich dafür ein, dass die an Unikliniken täglich anfallenden Gesundheitsdaten erschlossen, strukturiert und standardisiert werden.

Ziel ist eine Vergleichbarkeit der Daten. „Im Moment ist es so, dass in den Krankenhäusern elektronisch schon sehr viele Daten erfasst werden.“ Aber die Verfügbarkeit für weiterführende Zwecke, ob für Forschung oder die Betriebswirtschaft, sei häufig noch relativ gering. „Nach der Verwendung innerhalb der Versorgung und Abrechnung landen die Daten häufig in einem Archiv und werden nicht weiter genutzt“, so der Medizininformatiker. Das soll sich nun schnellstmöglich ändern, denn in den Gesundheitsdaten steckt ein großes Potenzial für Prävention und die personalisierte Medizin. Der Datenschutz stellt eine zentrale Voraussetzung der Medizininformatik-Initiative dar. Daten verbleiben an den jeweiligen Kliniken und können dort ausgewertet werden, wenn die erforderlichen Rechtsgrundlagen und Freigaben der beteiligten Kliniken gegeben sind.

Experten sind Mangelware

Für einen erfolgreichen Datenaustausch braucht es ein Netzwerk, über das sämtliche Stationen, an denen Gesundheits daten generiert werden, miteinander in Austausch treten können eine Vernetzung von Klinikern, Labormedizinern und Forschern. Medizininformatiker sind gefragt, um die Daten nutzbar zu machen. Das Problem: „Es gibt einen großen Mangel an Medizininformatikern und Medical Data Scientists“, bestätigt Ganslandt. Medical Data Science ist momentan noch ein klassischer Quereinsteigerberuf, für den es noch zu wenige Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Um das zu ändern, ist die Stärkung des Fachgebiets durch verschiedene Ausbildungsmaßnahmen eine wesentliche Säule der Medizininformatik-Initiative. Das MIRACUM-Konsortium konzipiert hierzu einen berufsbegleitenden Masterstudiengang „Medical Data Science“, der sich unter anderem an Mediziner, Informatiker sowie Medizin- oder Bioinformatiker richtet. Mit weiteren Angeboten wie Summer Schools und Kolloquien wird eine kontinuierliche Weiterqualifikation der Teams ermöglicht.

Nach dem Studium erwarten Absolventen vielfältige Einsatzbereiche. In der Forschung können Data Scientists unter anderem sogenannte „in-silico-Studien“ allein anhand von Daten durchführen. Auch in der Betriebswirtschaft, im Medical Data Controlling, liegen Chancen. „Tätigkeitsfelder können auch labornah sein und finden auf jeden Fall in engem Austausch mit Klinikern und Wissenschaftlern statt“, erklärt Ganslandt. „Data Scientists sind für mich ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Bereichen, die Daten generieren und verwerten. Dafür ist eine tiefe Prozesskenntnis nötig, um zu verstehen, wie die Daten entstanden sind und was ihre qualitativen und strukturellen Mängel sein können.

„Bereits während meines Medizinstudiums hatte ich das Gefühl, dass ich mit der Medizininformatik einen breiteren Einfluss auf die Medizin nehmen kann, als wenn ich einzelne Patienten behandle"

Prof. Dr. Thomas Ganslandt

Einsatzbereiche in der Labormedizin

Bei der Generierung strukturierter Daten ist die Labormedizin vielen klinischen Fächern deutlich voraus. „Im Labor wird ein Großteil der Daten in strukturierter Form erfasst“, sagt Ganslandt. Trotzdem bleibt die Interoperabilität eine Herausforderung. Denn bisher sind Daten, die mit Laborgeräten verschiedener Hersteller generiert werden, oft nicht vergleichbar. Ganslandt hofft, dass Kliniken und Laborgerätehersteller zukünftig die Daten in eine harmonisierte Form bringen. Die Medizininformatik-Initiative ist bereits dabei, dafür eine Basis zu schaffen: „In der Labormedizin gibt es beispielsweise die LOINC-Terminologie, die weltweit etabliert ist und nur in Deutschland bislang kaum genutzt wird.“ Die Medizininformatik-Initiative will in Abstimmung mit den Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Herstellern dafür sorgen, dass diese Terminologie aufgegriffen und in den Kliniken eingeführt wird.

Prof. Dr. Thomas Ganslandt hatte bereits vor seinem Medizinstudium eine Affinität zur Informatik. Heute ist er Universitätsprofessor für Medizinische Informatik an der Universität Heidelberg sowie geschäftsführender Direktor des Heinrich-Lanz-Zentrums, dessen Neuausrichtung zum Thema digitale Gesundheit er koordiniert. Als aktives Mitglied der Medizininformatik-Initiative gestaltet er die Digitalisierung der Medizin auf Bundesebene mit.

Apps auf Rezept

Auch Gesundheits-Apps gewinnen zunehmend an Bedeutung, bestätigt Ganslandt. Mit dem Digitalen Versorgungsgesetz (DVG) soll Ärzten die Möglichkeit gegeben werden, ihren Patienten Apps zu verschreiben. Bei der Entwicklung dieser Angebote sind Medizininformatiker und Medical Data Scientists gefragt. „Solche Apps können Patienten aktiv in die Selbstdokumentation ihrer Erkrankung einbinden und im Umkehrschluss Daten zurückspielen, die Aufschluss darüber geben, wie ihr Gesundheitszustand und der Verlauf ihrer chronischen Erkrankung sind“, so Ganslandt.

Apps zur Tumornachsorge und zum Monitoring chronischer Erkrankungen funktionieren beispielsweise über abgestufte Fragebögen. Geht es Patienten gut, können sie die Fragen mit wenigen Klicks abschließen. Geben sie aber Leitsymptome an oder kommt es bei der Erfassung zur Überschreitung bestimmter Schwellenwerte, wird der behandelnde Arzt benachrichtigt. „Der Mediziner entscheidet dann, ob er dem „Bereits während meines Medizinstudiums hatte ich das Gefühl, dass ich mit der Medizininformatik einen breiteren Einfluss auf die Medizin nehmen kann, als wenn ich einzelne Patienten behandle“ Patienten eine Vorstellung in der Klinik empfiehlt oder der seine Beschwerden weiterhin selbst managen kann“, erklärt der Medizininformatiker. „Denkbar ist auch ein Austausch per Videokonferenz.

Datenbasierte Biomarker

Solche Apps können auch helfen, Klinikressourcen effektiver einzusetzen. „Patienten, die aufgrund ihrer aktuellen Situation einen Termin brauchen, könnten den zügiger bekommen, und es würden sich überflüssige Kontrolltermine bei gutem Verlauf reduzieren“, so Ganslandt. Ein weiterer Bereich, in dem Datenwissenschaftler benötigt werden, ist die personalisierte Medizin. Neben molekularen Daten (beispielsweise aus dem Next Generation Sequencing) stellen auch „digitale Biomarker“ eine zunehmend interessante Datenquelle für die Auswahl individualisierter Diagnostik- und Therapiekonzepte dar.

Summary

  • Die Medizininformatik-Initiative stärkt Forschung und Krankenversorgung, indem Sie medizinische Daten besser nutzbar macht
  • Nötig sind dazu eine Vernetzung zwischen Klinikern, Labormedizinern und Forschern, eine einheitliche Datensprache sowie ausgebildete Medical Data Scientists

 

Text: Verana Fischer

Fotoquelle: Daniel Schreiber

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