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Höhenkrank am weißen Berg

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2018

Unter welchen Bedingungen entwickeln Menschen die Höhenkrankheit? Für eine Studie bestiegen Mediziner vom Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM) mit 25 geübten und auch unerfahrenen Bergsteigern den Kilimandscharo. Sysmex hat die Studie als Sponsor unterstützt

Die letzten 2.000 Höhenmeter des Kibos im Kilimandscharo-Massiv sind kein Spaziergang mehr. Dann, oben, auf 5.895 Metern: ankommen, den Moment und den Erfolg genießen, den Blick weit über die Wolken schweifen lassen. Nicht zu lang, es sind Temperaturen weit unter null Grad.
Die Landschaft ist karg hier oben. Steinbrocken und Gletscherzungen, keine Bäume oder Sträucher, noch nicht mal Gräser. 25.000 Menschen kämpfen sich jährlich hier hoch. Der vierthöchste der Seven Summits, der jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, gilt als der bergsteigerisch einfachste. „Den Kibo zu besteigen, ähnelt eher einer Mittelgebirgswanderung in unseren Breiten“, bestätigt Prof. Dr. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik an der Philipps-Universität Marburg. „Es geht einfach nur immer stetig auf gut ausgetretenen Wegen bergauf.“
Unter Renz’ Leitung nehmen hier 25 Menschen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlicher Fitness und Vorerfahrung an einer Studie teil, die die Entstehung der Höhenkrankheit und die Auswirkungen der Höhe auf Lunge und Psyche im Fokus hat.

Trügerische Einfachheit
Eine Woche dauert die Tour von der Savanne Tansanias bis hoch an die Spitze des Kibos und zurück. Malerisch hebt sich der Berg aus der Steppe ab, meist ist seine Spitze wolkenumkreist. Der eingedeutschte Name des Gebirgsmassivs stammt von „kilima njaro“, was in der Landessprache Swahili so viel wie „Weißer Berg“ bedeutet. Er ist das Wahrzeichen des Landes südlich des Äquators.
Im Vorfeld hat Prof. Renz Unterstützer gesucht und in Sysmex einen guten Sponsor gefunden. „Der Kibo ist optimal geeignet für so eine Untersuchung, weil hier auffällig viele Bergsteiger an der Höhenkrankheit leiden“, erklärt der Labormediziner. Eben weil es sich jeder zutraue und man nicht unbedingt trainiert sein müsse, sterben hier jährlich bis zu 50 Menschen daran. Weil sie die Anstrengungen der Höhe für den Körper unterschätzen, nehmen sie den Aufstieg zu schnell vor.

 

 

 

Prof. Dr. Harald Renz - Labormediziner
Der Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an der Uniklinik Marburg liebt auch privat die Berge

Zentrifuge und KX-21 im Gepäck
Die Höhenkrankheit zeigt sich in mehreren Schweregraden und beginnt zumeist mit Kopfschmerzen und Übelkeit in 3.000 bis 4.000 Meter Höhe. Ignoriert man die noch scheinbar harmlosen Anzeichen, kommen Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit hinzu. Ohne Anpassungsphasen für den Körper und gegebenenfalls Medikamente können zunehmend schwerwiegendere folgen, bis hin zu Lungen- und Hirnödemen, die nicht selten zum Tod führen. Ob und wie schnell die Symptome in die drastischeren Formen übergehen, dafür gibt es keine Blaupause. Die genauen Prozesse während der Entstehung der Höhenkrankheit nimmt die Studie in Augenschein, die auf Initiative des bergsportbegeisterten Dr. Christian Kreisel aus Prof. Renz’ Team gestartet wurde. Für kontinuierliche Blutuntersuchungen der Teilnehmer lassen die Forscher neben Zelten, Schlafsäcken und Campingküchen auch eine Zentrifuge sowie den KX-21 Hämatologie-Analyzer von Sysmex auf den Berg tragen. Ein Tross von 65 Packern folgt der Gruppe von Amateur-Bergsteigern im Alter von 19 bis 75 auf ihrem Weg zur Spitze. Täglich werden ihnen Blutproben abgenommen, präanalytisch vorbereitet und teils direkt analysiert, teils auf das mitgetragene Trockeneis gelegt zur späteren Diagnostik. Alles im Kilimandscharo-Nationalpark ist streng reglementiert. Jeder Bergsteiger braucht mehrere professionelle einheimische Begleiter, und selbst für das Trockeneis brauchen die Wissenschaftler eine Sondergenehmigung. „Wie schnell jemand auf den Berg steigt, darauf achtet aber niemand“, mahnt Prof. Renz.

 

Kaum Risikofaktoren

„Die Ursache der Höhenkrankheit liegt in der Absenkung des Luftdrucks in der Höhe“, erklärt der Mediziner. Der zusätzlich zunehmende Sauerstoffmangel führe im Körper zu beschleunigter Atmung. „Unter diesen Bedingungen aber atmet der Körper zu viel CO2 ab, was zur Hypokapnie führt.“ Metaboli sche und immunologische Prozesse starten, und Entzündungen an den Gefäßen und am Bindegewebe erhöhen die Durchlässigkeit der Blutgefäße. Eine Risikogruppe für die Krankheit gibt es nicht, es trifft Profis wie Amateure, untrainierte Senioren wie junge Sportler. Einzige Gewissheit: Wer bereits einmal erkrankt war, hat gute Chancen, erneut daran zu leiden.
„In vielen Fällen ist eine vorherige Adaption an die Bedingungen der Höhe eine gute Vorbereitung“, erklärt Prof. Renz. „Viele tragen im Vorfeld – zum Beispiel im Büro oder in der Nacht – Atemmasken, die zunehmend den Sauerstoffmangel simulieren, und kürzen so eine längere Akklimatisationsphase auf dem Berg ab.“ Der Körper wird unter diesen Bedingungen dazu animiert, mehr rote Blutkörperchen zu produzieren, was bei der Akklimatisation auch erfolgt. Drei Tage verweilen der Mediziner und seine Studienteilnehmer deswegen am Horombo Hut auf gut 3.600 Metern.

 

„Den Kibo zu besteigen ist leicht. Deswegen werden auch so viele krank.“

Prof. Dr. Harald Renz

 

Etablierter Score zu ungenau
Zur persönlichen Risikoeinschätzung dient bislang der Lake Luise Score. Der Fragebogen eignet sich sowohl zur Prognose vor einer Bergtour als auch während der Unternehmung. Sein Manko: Er ist unpräzise. Zu 40 Prozent liefert der Score fehlerhafte Ergebnisse, sowohl falsch-positive als auch falsch-negative. Vor allem die falsch-negativen können fatale Folgen für die Bergsportler haben. Die Verbesserung und Erweiterung des Scores ist deswegen eines der Ziele, die Prof. Renz und sein Team anstreben. Dazu werden neben psychologischen und klinischen Untersuchungen die metabolischen und immunologischen Entgleisungen der Höhenkrankheit mit Blutuntersuchungen beobachtet. Das individuelle Risiko soll dadurch künftig besser abschätzbar werden. Die Blutproben und Fragebögen werden teils direkt, teils nach der Tour in Marburg ausgewertet.

Am Gipfel
Und tatsächlich: Zwei Drittel der Studienteilnehmer werden höhenkrank. Allerdings muss nur ein Teilnehmer wegen schwerwiegenderer Einschränkungen abbrechen, zwei weitere steigen nicht mit bis an die Spitze. Prof. Renz selbst muss die Gruppe bei 4.400 Metern verlassen, weil er gleichzeitig wichtige Projekte an der Universität von Moshi, Tansania, vorantreiben muss. Der Rest kommt mit entsprechenden Pausen und mehreren Akklimatisierungsphasen bei dieser Tour bis an die Spitze und kann den unvergleichlichen Moment genießen, es geschafft zu haben. 24 Stunden dauert die entscheidende Etappe hin und zurück ohne große Schlafpause. Zu anstrengend ist es für den Körper da oben, und wer bis dahin nicht die Höhenkrankheit entwickelt hat, will sie zum Schluss auch nicht mehr haben. Deswegen geht es schon nach einer kurzen, nur wenige Stunden langen Rast auf 4.700 Meter Höhe, dem Kibo Hut, weiter nach oben. Um Mitternacht startet der letzte Aufstieg, um den Gipfel dann in den frühen Morgenstunden zu erreichen: 5.895 Meter.

Summary

  • Eine Studie des UGKM untersucht die Entstehung und Prozesse der Höhenkrankheit
  • Dafür wurden 25 Teilnehmer aus Deutschland während der Besteigung des Kilimandscharo-Massivs untersucht Sysmex war Sponsor der einwöchigen Unternehmung

 

22 Teilnehmer erklimmen in den frühen Morgenstunden den Gipfel in 5.895 Metern.
Während der ganzen Unternehmung werden sie konstant untersucht und ihnen wird immer wieder Blut abgenommen

Text Isabell Spilker

Bildquellen: Shutterstock, Privat

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