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Im Kampf gegen Leukämie

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 1/2020

 

In der DKMS Nabelschnurblutbank in Dresden werden Stammzellen-Transplantate gesammelt und aufbereitet, die an Blutkrebs erkrankten Menschen helfen. Bei der Untersuchung der Proben kommt auch das Sysmex Hämatologiesystem XN-350 zum Einsatz

Text: Heinz-Jürgen Köhler

Babyfotos schmücken die Wand im Eingangsbereich der DKMS Nabelschnurblutbank gGmbH in Dresden, alle Babys tragen ein rotes Lätzchen, auf dem „Ich bin ein Held“ steht. „Das sind unsere Spender“, erklärt Dr. Anne-Cathleen Aurich, die stellvertretende Leiterin der Qualitätskontrolle. In den Räumen der DKMS Nabelschnurblutbank in Dresden wird Blut aus der Nabelschnur aufbereitet und gelagert. Gespendet haben es Eltern, die in einer der Kliniken entbunden haben, mit der die Blutbank kooperiert. Eingesetzt wird das Blut als Transplantat bei Leukämien und anderen Erkrankungen des blutbildenden Systems. Als kleines Dankeschön erhalten die Spender das DKMS-Lätzchen. Und manche Eltern schicken dann ein Foto.

Eine Ausfallstraße im Dresdener Südosten. In einem schmucklosen Gewerbegebäude ist die DKMS Nabelschnurblutbank untergebracht. So unscheinbar das Haus von außen, so modern und voller Hightech ist es innen. Laborleiterin Rebekka Bernhard führt ins Labor. Der Besucher muss einen Kittel und sterile Überschuhe anziehen. „Hier ist unsere Eingangskontrolle“, sagt sie. Neben einer Sicherheitswerkbank stehen Zentrifugen und ein XN-350. Mit dem Analysesystem wird ein großes Blutbild von den Proben erstellt. „Das Gerät lässt sich sehr einfach bedienen. Das Einlesen der Kontrollcharge oder das Wechseln der Reagenzien geht viel schneller als bei unserem vorherigen Gerät“, erklärt Rebekka Bernhard.

Außerdem werden die Blutproben hier gewogen, und anhand der Werte lässt sich der Stammzellengehalt hochrechnen. Unterschreitet er einen Mindestwert, ist das ein K.-o.-Kriterium. „Hatte eine Mutter Malaria, HIV oder Hepatitis, sind das auch Ausschlusskriterien“, so Rebekka Bernhard. Weitere Verfahren sind ein manueller Gerinnungstest und eine umfassende Gewebetypisierung.

Im Nebenraum stehen ein Dutzend ölfassgroße Edelstahlbehälter. Wenn Rebekka Bernhard einen der dick isolierten und mit einem Schloss gesicherten Deckel hebt, quillt dichter Qualm heraus – das Gas des flüssigen Stickstoffs, mit dem die Proben gekühlt werden. Über ein Rohrleitungssystem werden die Behälter bei Bedarf fortlaufend mit Stickstoff nachgefüllt, und ein dauerndes Zischen und Rauschen erfüllt den Raum. In den Kryotanks werden die aufbereiteten Transplantate bei -180 Grad Celsius gelagert. Bevor sie allerdings in der Kühlung landen, haben die Proben einen detailliert vorgeschriebenen Weg zurückzulegen.

Spenden aus 23 Kliniken

Es beginnt mit der Aufklärung in der Entbindungsklinik. Hebammen und Ärzte sprechen werdende Eltern an. Das Blut aus der Nabelschnur enthält besonders viele Stammzellen, und es ist junges Blut, das beim Empfänger weniger Abstoßungsreaktionen hervorruft. Stimmen die Eltern der Spende zu, wird die Probe unter der Geburt entnommen. Von diesem Zeitpunkt an gerechnet muss die Spende spätestens nach 48 Stunden bei -180 Grad Celsius eingelagert sein. Die Einhaltung der Vorschriften – von der Entnahme über den Transport bis zur Einlagerung – und die Dokumentation aller Vorgänge muss die DKMS Nabelschnurblutbank gewährleisten. „Das geht bis hin zum Haltbarkeitsdatum der Desinfektionslösung und den Lagerungsbedingungen unserer Entnahmesets in den Kliniken“, erklärt Dr. Aurich.

Die 23 Kooperationskliniken der DKMS Nabelschnurblutbank sind über ganz Deutschland verteilt, von Kiel bis Landshut. „Wenn die Proben bei uns ankommen, waren sie deshalb manchmal schon 30 oder 40 Stunden mit einem temperaturüberwachten und -regulierten Transport unterwegs, und wir müssen uns dann mit der Verarbeitung sehr beeilen“, betont Rebekka Bernhard. Außerdem weiß sie nie, wie viele Proben an einem Tag hereinkommen. Eine ziemliche Herausforderung also für die Kapazitätsplanung der Laborleiterin.Nach der Eingangskontrolle wird das Volumen der Proben mithilfe der Zentrifugen reduziert und nochmals ein Blutbild mit dem XN-350 erstellt. Anschließend werden sie in einem sogenannten Ice Cube innerhalb von 60 Minuten schonend auf -100 Grad Celsius gekühlt, bevor sie in die Kühltanks kommen.

„Eingesetzt werden die Transplantate bei Leukämien, Blutbildungsstörungen und Immundefizienzen“

Dr. Alexander Platz, Ärztlicher Leiter

Störungen bei der Blutbildung

Insgesamt 19 Mitarbeiter – Ärzte, wissenschaftliche Mitarbeiter, Labormitarbeiter und Qualitätsmanager – sind in dem Unternehmen beschäftigt. DKMS, das steht für Deutsche Knochenmarkspenderdatei. „Stäbchen rein, Spender sein“ – viele kennen die Werbeplakate. Doch mit der Typisierung von Knochenmarkspendern über einen Abstrich der Mundschleimhaut hat die DKMS Nabelschnurblutbank wenig zu tun. „Wir sind zwar unter dem Dach der DKMS angesiedelt, aber ein eigenes Unternehmen“, so Dr. Alexander Platz, der Ärztliche Leiter der Nabelschnurblutbank, „eine GmbH mit anerkannter Gemeinnützigkeit.“ Die Nabelschnurblutbank finanziert sich unter anderem über Geldspenden. Rechtlich gelten die Transplantate, die das Unternehmen herstellt, als Arzneimittel, und die DKMS Nabelschnurblutbank wird wie ein Pharmaunternehmen behandelt, mit allen entsprechenden gesetzlichen Auflagen.

„Eingesetzt werden die Transplantate bei Leukämien, Blutbildungsstörungen wie der Fanconi-Anämie, bei angeborenen Immundefizienzen und bestimmten Stoffwechselerkrankungen“, erklärt Dr. Platz. Die Stammzellen des Nabelschnurbluts sollen dabei die erkrankten Blutstammzellen ersetzen. Die Heilungserfolge liegen auf dem gleichen Niveau wie bei der Behandlung mit peripheren Stammzellen, also aus dem Blut oder Knochenmark.

Über 110 transplantierte Spenden

Insgesamt 9.300 Transplantate lagern zurzeit in der Nabelschnurblutbank. Seit 1997 sammelt die Blutbank, seit 2008 werden Präparate zur Transplantation herausgegeben. „Die ältesten Transplantate, die verwendet werden dürfen, sind 19 Jahre alt“, erklärt Rebekka Bernhard. Diese Haltbarkeit ist wissenschaftlich abgesichert und wird fortlaufend überprüft.

Gut 110 Spenden wurden seit 2008 an Empfänger übertragen. Das scheint erst einmal nicht viel zu sein. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Typisierungsmerkmale von Empfänger und Spender zusammenpassen, ist relativ gering“, so Dr. Platz. Manchmal reicht die Anzahl der eingelagerten Stammzellen nur für Kinder als Empfänger. Für Erwachsene müsste man gegebenenfalls mehrere Spenden kombinieren, was die Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung dann noch weiter senkt.

    „Wir müssen die Einhaltung der Standards durch die Kliniken garantieren. Das geht bis zum Haltbarkeitsdatum der Desinfektionslösung“

    Dr. Anne-Cathleen Aurich, stellvertretende Leiterin Qualitätskontrolle

    Bis nach Australien und Chile

    Auch andere Faktoren tragen zu dieser relativ niedrigen Quote bei, etwa finanzielle. „Die Spende von Nabelschnurblut ist eine sogenannte allogene Spende“, erklärt Dr. Anne-Cathleen Aurich, also eine, bei der der Empfänger noch gar nicht feststeht. „In dem Fall beteiligen sich die Krankenkassen in Deutschland nicht an der Finanzierung.“ Erst wenn ein Empfänger identifiziert ist und die Spende übertragen wird, engagieren sich die Kassen.

    Das Matching zwischen Spender und Empfänger wird über das Zentrale Knochenmarkspenderegister in Ulm organisiert. Dorthin meldet die DKMS Nabelschnurblutbank ihre Transplantate pseudonymisiert mit den entsprechenden Gewebetypisierungen. Und von dort aus haben Ärzte und Krankenhäuser aus aller Welt Zugriff auf die Daten. „Wir haben unsere Präparate schon nach Australien und Südamerika geschickt“, erzählt die Laborleiterin.

    Und manchmal kommt vom Empfänger eine individuelle Rückmeldung. Etwa aus Chile: Ein Junge namens Domingo war im Alter von vier Jahren an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt. Von einer kleinen Heldin, wie die auf dem Foto an der Wand der DKMS Nabelschnurblutbank in Dresden, erhielt er eine Spende und konnte wieder vollständig gesund werden. Und auch wenn die Labormitarbeiter in Dresden manchmal Stress haben, und auch wenn eine Hebamme in einer der Kooperationskliniken manchmal verzweifeln mag, wenn trotz aufwendiger Vorbereitung eine Spende nicht verwendbar ist – wenn sie an Domingo denken, wissen sie alle, wie wichtig es ist, was sie da tun.

     

    Summary

    • Über 9.300 Proben lagern in der DKMS Nabelschnurblutbank in Dresden
    • Für Menschen, die an Leukämie oder anderen Blutbildungsstörungen leiden, sind sie oft die letzte Rettung
    • Für die Erstellung eines Blutbilds der Proben wird das Sysmex Analysesystem XN-350 eingesetzt

     

    Hintergrund

    Wie Transplantate Leben retten können

    Die Stammzelltransplantation beginnt mit einer hochdosierten Chemo- oder Strahlentherapie (Konditionierung), die das Ziel hat, den Körper vollständig von Tumorzellen zu befreien. Anschließend wird das Transplantat mittels Transfusion oder einer Spritze über eine große Vene in den Blutkreislauf des Patienten übertragen. Innerhalb weniger Tage wandern die Stammzellen in das Knochenmark des Empfängers und beginnen dort neue und gesunde Blutzellen zu bilden. Zwei bis vier Wochen später steht fest, ob die Stammzellen ausreichend neue Zellen bilden.

     

    Fotoquelle: Sven Döring

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