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IM DICKICHT DES DOPINGS

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2019

Steroide? EPO? Im Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden werden Proben auf Rückstände leistungssteigernder Mittel untersucht. Für die Blutanalyse wird der Sysmex XN-1000 verwendet. Ein Besuch in Sachsen

Text: Heinz-Jürgen Köhler

Schmale, kurvenreiche und von Laubbäumen gesäumte Straßen; in der Ferne ragt eine Wand in die Höhe, die sich beim Näherkommen als gestapelte Obsttransportkisten entpuppt. Durch ein großes Apfel- und Kirschanbaugebiet geht es von Dresden aus Richtung Sächsische Schweiz. Die Gemeinde Kreischa liegt zwölf Kilometer südostlich der sächsischen Landeshauptstadt im Tal des Lockwitzbachs, eines Zuflusses der Elbe.

Sehr idyllisch und ziemlich abgelegen ist hier das Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie (IDAS) in einem Flachbau untergebracht. Dennoch finden fast täglich die Lkw von Logistikern den Weg hierher. „Wir wissen nie, was wir bekommen“, erklärt Dr. Dirk Schwenke, während sein Kollege anfängt, die drei an diesem Morgen angelieferten Kartons auszupacken. Schwenke ist der Leiter der EPO- und Blutanalytik. Neben sieben weiteren naturwissenschaftlich ausgebildeten Kollegen arbeiten acht Laboranten in dem unscheinbaren Bau.

Das IDAS ist eines von weltweit 30 bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) akkreditierten Laboren, in denen nach Dopingsubstanzen wie Steroiden und EPO gesucht wird. Als einer von drei Staaten weltweit hat Deutschland neben den USA und Spanien zwei Dopinglabore: Kreischa und Köln. Das hat historische Gründe. Schon zu DDR-Zeiten gab es in der sächsischen Gemeinde ein nationales Zentrum für Sportchemie. Nach der Wende wurde dieses dann ab 1992 als IDAS fortgeführt. „Wir standen sogar im Einigungsvertrag“, schmunzelt Schwenke.

„Wir sind in der Verantwortung den Athleten gegenüber, immer korrekte Ergebnisse abzuliefern. Es ist nicht unsere Aufgabe, positive Fälle zu kreieren“

Dr. Dirk Schwenke

Kampf gegen Doping

Wie wichtig der Kampf gegen Doping weiterhin ist, konnte man erst Anfang Juli 2019 den Medien entnehmen: Beim größten Anti-Doping-Einsatz in der Geschichte haben die WADA und Europol, die Strafverfolgungsbehörde der EU, eine Razzia in insgesamt 33 Ländern durchgeführt. Dabei wurden 24 Tonnen Steroidpulver beschlagnahmt, 234 Verdächtige festgenommen und insgesamt 1357 Urin- und Blutproben genommen.

Die Proben, die in Kreischa eintreffen, stammen neben Deutschland aus Estland, Lettland und Kasachstan. Die beiden baltischen Staaten sind zu klein für ein eigenes Labor. „Laut WADA muss man mindestens 3000 Proben pro Jahr haben“, betont Schwenke. Und Kasachstan? Das Labor ist zurzeit suspendiert. Macht ein Labor Fehler, gibt’s Strafpunkte. Und ab einer bestimmten Anzahl an Strafpunkten wird ein Labor suspendiert. Deshalb landen auch kasachische Proben in Sachsen.

„Als Erstes packen wir die Pakete aus und prüfen, ob der Inhalt mit dem Lieferschein übereinstimmt“, so Schwenke. Auf dem Schein stehen nicht die Namen der Athleten, sondern Prüfnummer, Ort und Sportart. Jede der sechsstelligen Prüfnummern wird weltweit nur einmal vergeben, und die Proben sind versiegelt. Um sie zu öffnen, muss ein Verschlussring abgesprengt werden. Damit ist die Probe unwiderruflich geöffnet.

Die Blut- und Urinproben kommen in herkömmlichen Paketen aus Wellpappe. Blutproben müssen gekühlt werden, dafür sind die Pakete mit Styropor ausgekleidet und bestückt mit Kühlelementen und einem TempLogger, der die Temperatur im Paket während des gesamten Transports dokumentiert.

Kleines Blutbild

Die Nationale Anti Doping Agentur NADA lässt von allen Athleten, die von den Sportverbänden gefördert werden, Proben nehmen – während der Trainings- und Wettkampf-Phasen. Von welchen Disziplinen und ob Blut- oder Urinproben, regeln die Bestimmungen der WADA. Auch die Probenabgabe ist festgelegt. Die Athleten werden von Doping Control Officern (DCO) begleitet, um Manipulationen vorzubeugen. Bei Blutproben könne man eh nichts manipulieren, so Schwenke. „Bei Urin könnte man tricksen, wenn man sehr viel Wasser trinkt. Aber die Geräte sind heute so sensibel, dass das auch nichts bringt.“

Etwa 15.000 Urin- und 1500 Blutproben werden pro Jahr im Labor untersucht. Gas- und Flüssigchromatografen mit Massenspektrometrie analysieren die Urinproben vor allem auf Steroide und Testosteron. Blut wird auf die Folgen von EPO und Wachstumshormonen untersucht; dafür kommt das automatisierte Hämatologiesystem XN-1000 von Sysmex zum Einsatz. „Wir haben fünf bis 20 Proben am Tag. Darüber würde man in einem konventionellen Labor nur lachen und sagen ,Häng mal noch zwei Nullen an‘“, schmunzelt Schwenke und tritt an das nagelneue Gerät heran. Erstellt wird ein klinisches Screening, wie es auch in einem Labor gemacht wird, ein kleines Blutbild mit der Anzahl an Erythrozyten, Retikulozyten und Thrombozyten sowie dem Hämoglobin- und Hämatokritwert. „Die Analyse von Blut ist deutlich anspruchsvoller als die von Urin. Steroide sind eindeutig nachweisbar. Bei EPO muss man körpereigenes von körperfremdem unterscheiden“, erklärt der Chemiker.

EPO, also Erythropoetin ist ein Hormon, das Zellen im Knochenmark anregt, neue rote Blutkörperchen zu produzieren, wodurch dann mehr Sauerstoff in die Muskeln transportiert werden kann. Natürliches EPO ist im Körper vorhanden, der individuelle körpereigene Wert ist im Blutpass eines jeden Athleten dokumentiert. „Wer mit EPO dopt, hat sehr hohe Hämoglobin-und Hämatokritwerte“, so Schwenke. „Aber die Retikulozyten gehen nach unten, weil der Körper sagt ,Ich habe ja viele rote Blutkörperchen, ich muss keine mehr produzieren‘.“ Seit 1990 steht EPO auf der „Prohibited List“ der WADA. Bekannt wurde es unter anderem durch den Missbrauch im Radsport. Tour-de-France-Gesamtsieger Jan Ullrich und Sprintsieger Erik Zabel gehören zu den überführten EPO-Dopern.

„Für eine noch effektivere Doping-Bekämpfung braucht man intelligente Tests: Man muss wissen, wann der Wettkampf ist und wann der Athlet welche Substanzen nehmen würde“

Dr. Dirk Schwenke

Einfacher und präziser

Im Jahr von Jan Ullrichs Toursieg 1997 kam Schwenke ins IDAS. „Ich habe an der Universität Dresden analytische Chemie studiert und dann hier im Labor promoviert“, erzählt er. Seit Bestehen des IDAS ist es von der WADA akkreditiert, wodurch es an etliche Richtlinien gebunden ist – von baulichen Vorschriften zum Eingangsbereich bis zur Vorgabe, dass weltweit alle WADA-Labore 2019 von der XT/XE-Serie auf den XN-1000 aus der neueren Sysmex Geräteserie umzusteigen hatten. Aufgrund der hohen Messgenauigkeit und des globalen Qualitätssicherungssystems hat sich die WADA für die Sysmex Analysesysteme entschieden.

Der XN-1000 ist eine deutliche Verbesserung, findet Schwenke: „Er ist einfacher in der Handhabung und misst Retikulozyten präziser.“ Praktisch ist auch die Messwiederholung. „Wir haben eine erste und zweite Messung, und wenn die Abweichung zwischen beiden zu groß ist, muss noch mal gemessen werden. Das regelt in unserem Fall die Extended IPU Software vollautomatisch.“ Außerdem ermöglicht die SNCS-Anbindung des Geräts einen Abgleich mit Peer-Group-Daten. Die WADA hat eine eigene Peer Group, wodurch all ihre Laborstandorte vergleichbar sind und eine Qualitätskontrolle innerhalb aller WADA-Labore möglich ist.

Auch kontrolliert die WADA die Labore mit sogenannten Doppelblind-Proben. „Die scheinen erst einmal ganz normale Proben zu sein, in denen man alle enthaltenen Substanzen finden muss“, so Schwenke. Hinterher käme von der Nationalen Anti Doping Agentur NADA die Mitteilung, dass man diese Proben nicht in Rechnung stellen darf. „Dann weiß man, dass man kontrolliert wurde.“ Das alles dient der Gewähr korrekter Ergebnisse „Wir sind in der Verantwortung den Athleten gegenüber, immer korrekte Ergebnisse abzuliefern“, betont Schwenke. „Es ist nicht unsere Aufgabe, positive Fälle zu kreieren.“

Aufgabe des Labors ist es vielmehr, auffällige Werte an die sogenannte ADAMS-Datenbank der WADA zu melden. Alle Proben werden in A- und B-Proben aufgeteilt. Wird eine A-Probe positiv auf eine verbotene Substanz getestet, hat der Sportler den Anspruch, dass die B-Probe in seiner Anwesenheit analysiert wird. „Dazu werden die Proben drei Monate bei minus 18 Grad gelagert“, erklärt Schwenke und führt in eine etwa zwei mal drei Meter große Kühlkammer, die selbst an diesem heißen Sommertag mehr als nur eine willkommene Abkühlung bietet. Das Labor verfügt über eine zweite, viermal so große Kammer. „Für eine noch effektivere Doping-Bekämpfung braucht man intelligente Tests: Man muss wissen, wann der Wettkampf ist und wann der Athlet welche Substanzen nehmen würde“ Dass tatsächlich ein Sportler für die Untersuchung der B-Probe anreist, kommt aber sehr selten vor. „Es war mal eine russische Biathletin hier“, so Schwenke „und hat uns über die Schulter geschaut.“ Meist bekommt er die Sportler aber nicht zu sehen.

Was er indes realisiert, sind längerfristige Entwicklungen in unterschiedlicher Form. Das Aufkommen von EPO war schon ein deutlicher Einschnitt in der Geschichte des Dopings. Andererseits sind die häufigsten im Labor festgestellten Substanzen immer noch Steroide. „Eine Zeit lang“, erzählt Schwenke lachend, „hatten wir plötzlich überdurchschnittlich viel rote Urinproben.“ Was war passiert? Die Nachricht von der angeblichen Leistungssteigerung durch Rote Bete hatte unter den Athleten die Runde gemacht. Auch sind Belastungsspitzen im Lauf des Jahres durchaus festzustellen. Vor Olympischen Spielen steigt das Probenaufkommen deutlich an.

„Außerdem am Ende des Jahres“, so Schwenke. Die Nationale Anti Doping Agentur ist verpflichtet, alle von den Sportverbänden geförderten Sportarten zu kontrollieren. Und manchmal fiele dann auf, dass bis zum Jahreswechsel noch diverse Kontrollen durchzuführen sind. „Dabei kommen auch kuriose Kombinationen zustande“, erzählt der Chemiker. Er habe schon die Proben von Gesellschaftstänzern oder Boule-Spielern auf EPO kontrolliert. Und manchmal erfährt man so sogar von neuen Sportarten. „Kennen Sie Boßeln?“, fragt Schwenke lachend. Selbst für den friesischen Volkssport hat er schon Proben untersucht.

Intelligentes Testing

Mehr als 20 Jahre Dopinggeschichte hat Dirk Schwenke selbst miterlebt. Ist der Sport in der Zeit sauberer geworden? „Das Doping ist schon weniger geworden. Die Zahl der positiven Fälle hat abgenommen“, bestätigt er. Und wie kann man Doping noch effektiver bekämpfen? Die Ansatzpunkte dafür sieht er weniger bei medizinisch-analytischen als bei organisatorischen Faktoren. „Man braucht intelligente Tests und muss wissen, wann der Wettkampf ist und wann der Athlet oder die Athletin welche leistungssteigernde Substanz nehmen würde.“ Das setzt ein großes Know-how über diese Substanzen und ihre Wirkungsweisen voraus. Aber auch da kann das IDAS helfen, Schwenke und seine Kollegen engagieren sich auch in der Dopingforschung. Neben der Weiterentwicklung der Methoden wird sehr intensiv an der Erforschung leistungsfördernder Substanzen gearbeitet. Im Fokus dabei: EPO und Wachstumshormone.

  • Als eines von zwei deutschen Dopinglaboren untersucht das IDAS bei Dresden Urin- und Blutproben von Sportlern
  • Für die Blutanalyse wird das Hämatologiesystem XN-1000 von Sysmex eingesetzt

 

Fotoquelle: Sven Döring

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