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Labormedizin in der Klinik

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 1/2020

 

Faktoren wie die wachsende Ökonomisierung des Gesundheitssystems oder ein durch die Globalisierung erweitertes Krankheitsspektrum erschweren den Klinikalltag. Eine innovative Labormedizin erleichtert die Diagnostik und unterstützt Ärzte – vor allem in den Bereichen Digitalisierung, Infektionen, Malignitäten und Anämien. Wie, das erklären internationale Experten auf den folgenden Seiten

Text: Verena Fischer

Den Arzt bewegen Fragen

Der Patient erhält Antworten

Digitalisierung

DIE DIGITALISIERUNG KANN DIE KOMMUNIKATION ZWISCHEN LABOR UND KLINIK VERBESSERN. ÜBER DIESE UND WEITERE CHANCEN SPRICHT DR. HANS GEORG MUSTAFA. DER FACHARZT FÜR MEDIZINISCH-CHEMISCHE LABORDIAGNOSTIK IST GESCHÄFT SFÜHRENDER GESELLSCHAFTER EINES MEDIZINISCH-CHEMISCHEN LABORS IN SALZBURG ÖSTERREICH SOWIE PRÄSIDENT DER ÖSTERREICHISCHEN GESELLSCHAFT FÜR LABORATORIUMSMEDIZIN UND KLINISCHE CHEMIE

Welche Vorteile bringt die Digitalisierung für Labor und Krankenhaus?

Die digitale Transformation im Gesundheitswesen birgt enorme Chancen. Als Labormediziner steuern wir mit unseren Befunden wesentlich zum Behandlungsverlauf bei. Komplexere Verfahren führen aber zu einer immer größer werdenden Datenmenge. Heute sehen wir noch Probleme bei Schnittstellen und in der Standardisierung von Informationen. Die Digitalisierung wird die Kommunikation und die Dokumentation deutlich verbessern. Es werden neue Möglichkeiten entstehen, etwa durch bessere Auswertung und Bildgebung oder Vernetzung zwischen den Sektoren der Gesundheitsversorgung. Künstliche Intelligenz und Clinical Decision Support Systeme werden die Qualität in Zukunft verbessern.

Bei welchen Herausforderungen hilft die Digitalisierung, Lösungen zu entwickeln?

Hier sehe ich primär drei Felder, auf denen schnelle Erfolge möglich sein werden. Erstens die Anpassung der Organisation, zweitens die Anpassung der Berufsbilder unsere Mitarbeiter im Labor und auch bei uns Ärzten im Besonderen und drittens bei Datensicherheit und Datenschutz. Zu den heutigen Möglichkeiten in der Labordiagnostik und Therapie werden neue technische Möglichkeiten und Aufgaben hinzukommen, und alt Bekanntes wird eine andere Bedeutung bekommen oder wegfallen. Dies geschieht nicht nur durch die Technisierung der Arzt-Patienten-Beziehung, sondern auch durch smarte diagnostische Lösungen in der Hauskrankenpflege oder dem Bereich der Gesundheits-Apps.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft von Labor- und Klinikmedizin?

Schon heute ist zu erkennen, dass wir Ärzte mit immer mehr Daten konfrontiert werden, die bei der klinischen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden müssen. Darauf muss sich die medizinische Aus- und Weiterbildung einstellen. Neben dem klassischen Fachwissen sind „digitale“ Kompetenzen unbedingt zu berücksichtigen. Und natürlich müssen auch Rechtssicherheit sowie eindeutige Datenschutz- und ITSicherheitsrichtlinien geschaffen werden.

Infektionen

WAS DIE LABORMEDIZIN ZUR KLINISCHEN BEKÄMPFUNG VON INFEKTIONEN BEITRAGEN KANN. FRAGEN AN TROPENARZT PROF. DR. ANDRE VAN DER VEN DER AM MEDIZINISCHEN ZENTRUM DER RADBOUD UNIVERSITY IN NIJMEGEN NIEDERLANDE AN INFEKTIONSKRANKHEITEN WIE DENGUE MALARIA UND HIV FORSCHT

Wie beeinflusst der moderne Lebensstil die Entwicklung von Infektionskrankheiten?

Die Folgen des modernen Lebensstils wie Globalisierung und Klimawandel beeinflussen die Entwicklung von Infektionskrankheiten auf verschiedene Weise: Internationaler Tourismus erleichtert die rasche Ausbreitung von Mikroorganismen und ihren antimikrobiellen Resistenzgenen auf der ganzen Welt. Zu den neu aufgetretenen Infektionen zählen Corona, Zika, SARS und MERS. Antibiotikaresistenzen sind von der WHO als Bedrohung für die globale Gesundheit anerkannt. Der Klimawandel verändert die Epidemiologie von durch Vektoren verursachte Krankheiten: In Europa kommt es in Gebieten, die von der sich ausbreitenden Asiatischen Tigermücke besiedelt sind, zu begrenzten Dengue-Ausbrüchen. Insgesamt sind Infektionskrankheiten eine größere Belastung in Ländern mit niedrigem Einkommen. Das Projekt Global Burdon of Disease (GBD) kommt zu dem Schluss, dass die ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung einer höheren Belastung durch Infektionen ausgesetzt sind als die restlichen 80 Prozent zusammen..

Welche Parameter sind für die Infektionsdiagnostik wichtig?

Eine gezielte Therapie kann nur eingeleitet werden, wenn die Erkrankungsursache feststeht: Liegt ein reiner Entzündungsprozess oder eine Infektion vor? Ist die Infektion viral, bakteriell oder parasitär? Ein großes Blutbild und die CRP-Messung geben eine erste Orientierung. In unserer Universitätsklinik werden oft auch spezifische mikrobiologische Tests oder radiologische Untersuchungen durchgeführt. Wir haben festgestellt, dass die XN-Analysesysteme nützlich sind, um bakterielle von viralen Infektionen zu unterscheiden. Der Algorithmus Infection Manager System identifiziert Aktivitätsveränderungen von Lymphozyten und erreichte in einer unserer Untersuchungen bei der Differenzialdiagnostik von Infektionen vielversprechende Ergebnisse.

Welche Geräte und Anwendungen von Sysmex nutzen Sie?

In unserem Forschungslabor des Radboud University Medical Center nutzen wir einen XN-1000 mit allen Applikationen. Darauf beziehen wir sämtliche Routine- und Forschungsparameter für unsere Studien.

Malignitäten

FÜR DIE DIAGNOST IK VON MALIGNITÄTEN SPEZIELL BEI LEUKÄMIEN SIND LABORUNT ERSUCHUNGEN VON ENT SCHEIDENDER WICHTIGKEIT ERKLÄRT PROF. DR. MED. DR. PHIL. TORSTEN HAFERLACH. NACH LANGJÄHRIGER TÄTIGKEIT ALS OBERARZT AN VERSCHIEDENEN UNIKLINIKEN GRÜNDET E DER FACHARZT FÜR INNERE MEDIZIN HÄMATOLOGIE UND ONKOLOGIE 2005 DIE MÜNCHNER LEUKÄMIELABOR GMBH

Wie unterstützen Parameter aus dem Blutbild Sie heute in der Diagnostik?

Die Parameter des Blutbildes sind häufig der erste Hinweis, dass etwas nicht stimmt, sowie ein Anlass für Allgemeinärzte, zum Hämatologen zu überweisen. Neben den Parametern für Leukozyten, Hämoglobin und Thrombozyten sind auch Parameter wie Retikulozyten, MCV, MCH und neuerdings die RDW (Red Cell Distribution Width = Erythrozytenverteilungsbreite) von großer Bedeutung. Gerade die RDW hat sich als einer der interessantesten Parameter herausgestellt, um sehr frühzeitig hämatologische Erkrankungen zu postulieren und weiter diagnostisch abzuklären, insbesondere aber engmaschiger zu beobachten.

Welche Parameter sind bei der Diagnostik von Leukämien besonders wichtig?

Bei der Diagnostik von Leukämien ist eine Vielzahl von Methoden notwendig. Nach der Zytomorphologie inklusive Zytochemie erfolgt an zweiter Stelle die Immunphänotypisierung. Aber auch in der Histologie, Zytogenetik und Molekulargenetik sind diagnostische und insbesondere prognostische Informationen heute von größter Bedeutung. Nur eine zusammenführende Betrachtung aller dieser Parameter ist letztlich State of the Art und erlaubt die richtige Diagnose, Therapie und Prognoseeinschätzung.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft von Labor- und Klinikmedizin?

Die Diagnostik von Leukämien und soliden Tumoren wird immer komplexer, speziell auch durch Erkenntnisse der Zytogenetik und das rasant wachsende Wissen der Molekulargenetik. Wichtig ist nicht nur, sämtliche Analysen durchzuführen, alle Parameter festzustellen und die Ergebnisse zusammenzuführen, sondern auch, sie kompetent zu interpretieren. Das geht nur durch eine übergreifende Zusammenarbeit von Disziplinen wie der Pathologie, Hämatologie und Onkologie, der Zytogenetik, Molekulargenetik und zunehmend auch der Bioinformatik. Dieses flächendeckend anzubieten und auszubauen, ist die zentrale Aufgabe.

Anämien

LABORMEDIZINISCHE BLUT UNT ERSUCHUNGEN MACHEN EINE BEHANDLUNG VON ANÄMIEN ÜBERHAUPT ERST MÖGLICH BETONT PROF. DR. MED. ANDREAS HUBER. ÜBER 20 JAHRE HAT ER ALS CHEFARZT DER HÄMATOLOGIE AM INSTITUT FÜR LABORMEDIZIN IM SCHWEIZER KANTONSSPITAL AARAU ANÄMIEN BEHANDELT. HEUTE IST HUBER PROFESSOR FÜR HÄMATOLOGIE AN DER PRIVATEN UNIVERSITÄT DES FÜRSTENTUM LIECHTENSTEIN UND DORT PROGRAMMDIREKTOR KLINISCH-GENOMISCHE MEDIZIN.

Wie unterstützen Parameter aus dem Blutbild Sie in der Diagnostik von Anämien?

Bei der Diagnostik und Therapie von Anämien spielen diese Parameter eine essenzielle Rolle. Da Anämien klinisch häufig unauffällig sind, werden veränderte Werte von Hämoglobin, Erythrozyten, MCV und die Erythrozyten-Indizes oft erst durch einen Zufallsbefund beim Blutbild entdeckt. Bei einer Verminderung etwa von RET-He besteht dann sofort der Verdacht auf eine Eisenmangelanämie, während bei einer Erhöhung von MCV und MCH oft ein Folsäure- oder Vitamin-B12-Mangel vorliegt. Die häufigste Ursache ist indes eine Eisenmangelanämie, bei der Retikulozyten und Retikulozyten-Hämoglobin wichtige Hinweise geben.

Wie kommt RET-He bei Ihnen zum Einsatz? Welche Vorteile bietet der Parameter?

RET-He dient als Frühindikator für das Ansprechen auf eine Eisentherapie oder auf Erythropoese stimulierende Mittel. Da eine Generation Retikulozyten nur zwei bis vier Tage im Blut zirkuliert, sehen wir den Therapieerfolg direkt während dieser Zeit. Ein Anstieg von RET-He bedeutet, dass die Therapie effektiv ist. Zudem ist der Parameter nicht von der Akute-Phase-Reaktion betroffen und weist eine geringere biologische Variabilität auf als TSAT und Ferritin. Wir nutzen RET-He in der präoperativen Diagnostik, um die Patienten schnellst- und bestmöglich auf eine OP vorzubereiten, und generell, um Anämien zu differenzieren und zu therapieren. Ein wesentlicher Vorteil der Retikulozyten-Parameter ist, dass sie Bestandteil des Blutbilds sind, sofort verfügbar und kostengünstiger als Transferrin oder Ferritin.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft von Labor- und Klinikmedizin?

Vor allem sollte sich die Kommunikation zwischen den Abteilungen verbessern, die fortschreitende Digitalisierung könnte dabei helfen. Außerdem sollten wir Standardisierung und Automation weiter vorantreiben und innovative Parameter schneller und kosteneffektiver zum Einsatz bringen. Generell sollte es das Ziel sein, die besten Laborparameter zum Wohl der Patienten einzusetzen.

 

Illustration: Jindrich Novotny

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